Fiktive Gewalt im Rollenspiel für Kinder (4)

Ich möchte gleich an meinen Beitrag Fiktive Gewalt im Rollenspiel für Kinder (3) anschließen. Die beiden Teile gehören inhaltlich zusammen und sollten entsprechend nacheinander gelesen werden.

Diesen Blogbeitrag möchte ich gerne mit der zweiten In-Game Situation beginnen, die – wie in dem ersten Teil des Beitrags bereits angedeutet – ausschlaggebender zum Thema fiktive Gewalt ist.

In-Game-Situation 2 – Teil 1:

Wir suchen jemanden und bekommen den Hinweis, dass diese Person zuletzt ein Orkdorf in der Nähe aufsuchen wollte. Angeblich sind die Orks dort nett, aber wirklich befreundet ist man mit orks halt nicht…

Bereits vor dem (Ork)Dorf treffen wir unseren ersten pilzesammelnden Ork (ja, ich gebe zu als Erwachsener scheint das merkwürdig). Wir unterhalten uns, und er nimmt uns mit ins Dorf. Dort stellt sich heraus, dass verschlossener Ork die gesuchte Person zuletzt gesehen hat. Der ist aber bockig und will nicht mit uns reden, weil er Menschen als Schwächlinge ansieht.

Von einem weiteren (freundlicheren) Ork bekommen wir die sozialen Besonderheiten erklärt. Unser störrisches Exemplar sagt keinem etwas, der nicht stärker ist als er.

Kommentar:

Ja, was tun sprach Zeus? Mein Sohnemann kam nicht drauf und brauchte einen Hinweis darauf, dass er wohl gegen ihn kämpfen und ihn besiegen müsse, um seinen Respekt zu erlangen.

Hell begeistert griff er nach seinem Schwert, brachte jubelnd den Spruch „Jetzt steche ich ihm ein Auge aus!“. Und stürmte mit seinem Charakter los…

Ähm, moment! *Pausetaste drück*

Fehler machen dürfen, ohne gleich mit den Folgen zu Leben

Ein entsetzter Blick zwischen Spielleiter und Mama…
Und dann gab es eine Moralpredigt, dass er doch nicht einfach mit dem Schwert auf den Ork losgehen könne (der ihm doch nichts getan hat!). Mein Kind musste sich selber zusammenreimen, was das ganze wohl für Folgen haben könnte. Und stellte fest: Keine gute Idee, wir fliegen hochkant und mit Verfolgern aus dem Dorf und erhalten keine Antwort auf unsere Fragen. Das Ziel ist nicht erreicht!

Anschließend gab es vorsichtige Hinweise, wie man die Situation denn wohl ohne Waffen lösen könne („Was meinst du denn, was wir stattdessen machen können? Umbringen möchten wir ihn doch nicht…“.
Die Lösung war schnell greifbar: Eine waschechte Prügelei mit Fäusten.

*Rückspultaste drück und noch mal versuchen*

In Game Situation 2 -Teil 2

Kämpfer und Ork stehen sich auf dem Marktplatz mit erhobenen Fäusten gegenüber. Ein Duell, wie es spannender nicht sein kann.
Dank Würfelglück (?) besiegt der Kämpfer den Ork. Jeder Schlag wird entsprechend ausformuliert.

Der Kämpfer ist an der Reihe. Er hebt die Faust, sieht den Ork an und schlägt blitzschnell mit gewaltiger Kraft zu. Der Ork will den Schlag abwehren, verschätzt sich jedoch. Knapp an seinem Unterarm vorbei (die Faust des Kämpfers streift ihn gerade noch) bekommt er einen heftigen Schlag in den Magen und stöhnt schmerzhaft auf, als ihm die Luft aus dem Brustkorb entweicht.

Er braucht einen kurzen Moment, um sich wieder zu sammeln und seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu bekommen. Der Kämpfer geht während dessen wieder einen Schritt zurück und baut seine Deckung neu auf. Sein Blick ist entschlossen und siegessicher.

Kommentar:

Hier sollte man Kindern etwas bieten, das an einen Sportreporter heran kommt. Mein Sohn ging in der Beschreibung wunderbar auf und riss mehrfach jubelnd die Arme nach oben, während seine Augen so kampfbereit und zielstrebig leuchteten wie die seines Spielcharakters.

Er hat den Ork besiegt und seinen Respekt erlangt. Blaue Flecken und Blessuren waren nicht allzu schlimm. Alles sollte nach ein paar Tagen Muskelschmerzen wieder von alleine verschwinden und der Ork nahm es – entsprechend seiner Einstellung – damit recht locker.

Erwachsene sollten notfalls die Bremse ziehen

Wir hörten in dem Abenteuer mehrfach den Satz „Aber jetzt mitten aufs / ins Auge“. Unser Spielleiter verdrehte irgendwann genervt seine Augen und beschrieb die (Treffer-)Situation einfach anders.

„Hier werden niemandem Augen ausgestochen!“.

Unter uns beiden Erwachsenen ist der Spruch allerdings zum running Gag geworden, wenn mein Sohn mal wieder über sein Ziel hinaus stößt.

Andere Kampfsituationen in dem Abenteuer waren flacher. Im Endkampf mussten wir gegen mehrere Räuber kämpfen, die dann einfach K.O gehauen wurden und zu Boden gingen. Oder verletzt dort saßen und nicht mehr aufstanden. Verbal lief das ganze auf einem Level wie Live Rollenspiel ab.

„Du bist am Arm getroffen und kannst ihn nicht mehr benutzen. Binde ihn bitte auf dem Rücken fest“
gegen
“Okay, du hast ihn so gut getroffen, dass er einfach nach hinten in die Fässer fällt und nicht mehr aufsteht.”

Fiktive Gewalt wird dargestellt, ohne blutige reale Folgen zu haben.

Der Unterschied zwischen Rollenspiel und dem echten Leben

Einige Zeit später war ich mit meinem Sohn auf einem Fahrgeschäft für Kinder. Es ging mit einer Schaukel ganz nach oben, und dann rückwärts wieder in die Tiefe. Generell hat sich mein Sohn an diesem Tag als regelrechtes Kirmesweichei entpuppt. Während er leicht grün neben mir saß und mich lauthals kindlich verfluchte, konnte ich mir eine Stichelei nicht verkneifen.

„Hier bist du am jammern und traust dich echt gar nichts, und im Rollenspiel ziehst du los und willst anderen Leuten die Augen ausstechen.“

„Jaaaa, aber das ist ja auch was ganz anderes“ *panisch nach unten in die Tiefe schau*

„Was ist denn daran so anders ob man Abenteuer hier in echt oder im Spiel erlebt?“

„Na, das schöne am Rollenspiel ist, dass ich es nicht sehen kann“

Und schon ging es wieder abwärts.
Auf dem Weg nach unten wurde er noch ein wenig grüner ;-)

Es ist halt nicht immer leicht, ein Held zu sein ;-)

4 Kommentare zu “Fiktive Gewalt im Rollenspiel für Kinder (4)”

  1. TheClone schreibt:

    Ich erinnere mich noch daran, dass Du anfangs geschrieben hast, dass Kinder gut zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können. Diese Trennung scheint aber im Spiel wenig Beachtung zu finden, wenn ich mir deine berichte so durchlese. Oder täuscht das?

  2. Selina schreibt:

    Okay, da muss ich nochmals nachhaken.

    Im Spiel nimmt mein Sohn sich deutlich mehr heraus, als im wahren Leben. Eben weil er weiß, dass es nur gespielt ist.

    In wie weit/wo siehst du das momentan nicht bestätigt?

  3. Cyric schreibt:

    Danke für diese Erfahrungsberichte. Auch wenn Kinder verschieden sind, denke ichl, dass die Grundlagen eurer Sitzungen sehr wohl Algemeingültigkeit besitzen. Ich werde da einiges für mich und meinen Kleinen raus ziehen und hoffentlich bald einmal umsetzen können.

  4. TheClone schreibt:

    Ich meinte die Szene mit dem Wolf und das Lernen fürs Leben bzw. “das macht im richtigen Leben ja auch nicht”.

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