Fiktive Gewalt im Rollenspiel für Kinder (3)

Wie gestaltet man ein Rollenspiel für Kinder, wenn es um fiktive Kämpfe geht?

In meinen letzten beiden Blogbeiträgen habe ich mich auf fiktive Gewalt im Rollenspiel bezogen und unter anderem die Seite der Erwachsenen beleuchtet. Fazit aus diesem Artikel: Zu einem guten Rollenspiel gehört ein nicht übertriebener Einsatz von fiktiver Gewalt, um ähnlich wie in Filmen und Büchern die stimmungsvolle Atmosphäre in der Geschichte zu unterstützen.

Diesen Effekt brauchen wir auch dann, wenn es um ein entsprechendes Abenteuer für Kinder geht. Allerdings sollte hier – je nach dem Alter der kleinen Mitspieler – entsprechend altersgerecht beschrieben werden.

Als mein Sohn (fast 7) vor knapp zwei Monaten sein erstes Abenteuer gespielt hat, stand ich als Mutter zusammen mit unserem heldenhaften Spielleiter demnach vor einem ersten Problem. Doch statt uns den Kopf darüber zu zerbrechen hatten wir beide stillschweigend die Übereinkunft: “Schauen wir mal, was passiert und reagieren dann”.

Das Abenteuer zog sich über zwei Tage mit jeweils ca. 2-3 Spielstunden, die der Jungspund locker und mit Freude bewältigt hat. Und so toll er die Geschichte auch fand, stellte sich schnell eines heraus: Mein Kind wollte mehr Action, als wir Erwachsene es zulassen wollten.

Um euch zu verdeutlichen, wie wir das ganze umgesetzt haben, möchte ich euch gerne zwei In-Game Situationen zeigen. Interessanter davon war die zweite Situation (zumindest für das Artikelthema).

Folgendes Vorwissen hilft für das Verständnis: Ich habe eine Zauberin gespielt, mein Sohn bestand stilecht auf einen Kämpfer mit Schwert und Bogen.

In Game Situation 1 -Teil 1

Wir laufen durch einen Wald und sind gezwungen, dort zu übernachten. Abends brennt das Feuer herunter und wir legen uns beide schlafen. (Meinem Sohn fehlt die Erfahrung, warum man im RPG besser Wache hält. Das sollte er selber merken).

Spät in der Nacht wird der Kämpfer durch ein tiefes Knurren geweckt. Ein Rudel Wölfe steht um unser Nachtlager.

Also Kameraden wecken, raus aus den Federn und sich bewaffnen. Der Rudelführer – ein abgemagerter und zerzauster Wolf – greift an. Wir kämpfen, bis er verwundet zu Boden geht. Das restliche Rudel hat sich nicht beteiligt und ergreift die Flucht, als ihr Boss unfreiwillig aufgibt.

Kommentar dazu

Der Kleine hatte seinen Kampf. Er ist stolz, aber man merkt ihm auch an – was jetzt? Und hier kam dann Mama ins Spiel…

“Was machen wir denn jetzt, der arme Wolf ist verletzt und sieht total mager aus. Ich glaube, der hatte nur Hunger und hat unser Essen gerochen, das wir gebraten haben! *nachdenklich*”

“Oweiha”

kommt es traurig zurück. Und hinter vorgehaltener Hand im Flüsterton mit scheuem Blick auf den Spieleleiter:

“Können wir ihn nicht wieder gesund machen?”

In Game Situation 1 – Teil 2:

Die Zauberin ist im Kampf ins Bein gebissen worden und kann kaum noch stehen. Sie hat einen Heiltrank dabei, den Sie zu sich nimmt. Der Wolf liegt währenddessen auf dem Boden. Er hat eine Schwertwunde an der hinteren Flanke und kann nicht mehr stehen.

Auf den Kinderwunsch hin dem Wolf zu helfen (als Spieler ausgesprochen), teilt sie ihren Heiltrank aber mit dem Wolf und verbindet ihm danach seine Wunden.
Er darf sich an dem restlichen Fleisch stärken und humpelt zurück in den Wald.

Mein Kind ist glücklich, ich bin zufrieden und unser Spieleleiter schweigt schmunzelnd. Wir haben unseren ersten Kampf auf allen Ebenen heil überstanden.

Im weiteren Verlauf treffen wir den Wolf wieder. Er ist uns hinterher geschlichen, reagiert nicht mehr feindselig und – die Krönung – begleitet uns danach als Animal Companion.
In einer späteren Situation ist seine Unterstützung ausschlaggebend für den (End-)Sieg.

Die Moral von der ersten Geschichte:

Man kann kämpfen. Es darf auch Blut fließen. Trotzdem hat mein Sohn zwei Dinge dabei gelernt:

» Selbstloses Handeln hat positive Folgen. Als er dem Wolf helfen wollte, geschah das ohne egoistische Zukunftsabsichten. Dafür ist er von unserem Spielleiter belohnt worden.

» Es muss nicht immer bis zum Tod gekämpft werden. Weder im Angriff, noch in der Verteidigung. Wenn eine Seite aufgibt, kann und sollte das Geschehen neu überdacht werden.

Die Situation kam bei meinem Sohn durch das ganze Rudel Wölfe als sehr gefährlich an. Die Stimmung war dadurch perfekt.

Kleiner Tipp:

Die Grundstimmung eines Kindes lässt sich – sollte es mal notwendig werden – sehr gut beeinflussen. Ein entsetztes “Oh nein – so viele Wölfe? Das ist aber ganz schön gefährlich” von einem erwachsenen Mitspieler hat gravierende Auswirkungen ;-)

Generell ist es so, dass erwachsene Mitspieler (dazu ein anderes Mal mehr) den Kleinen immer zuarbeiten sollten. Sie sollten sich als Mentor sehen und die Kleinen aufbauen, unterstützen und im Notfall auch ermahnen und von sehr dummen Ideen abbringen. Mein Sohn hat in der ersten halben Stunde des Spiels kaum ein Wort hervorgebracht. Durch Ermunterung taute er dann auf und brachte im späteren Abenteuerverlauf ein paar Ideen ins Spiel, die uns als Erwachsene nicht eingefallen sind. Aber ich schweife ab…

So….. da ich habe mir vorgenommen habe keinen Beitrag über 2 Din-A4 Seiten zu schreiben, teile ich an dieser Stelle nochmals. Der Folgebeitrag steht aber schon und folgt dafür gleich morgen ;-)

5 Kommentare zu “Fiktive Gewalt im Rollenspiel für Kinder (3)”

  1. Arne Babenhauserheide schreibt:

    Das Abenteuer klingt schön – toll, wenn es so klappt!

    Klappt es, mit moralischen Geschichten natürlich zu spielen? Oder denkt ihr mehr darüber nach, wie dein Kind reagiert, als über die Situation?

    Und wieviel hattet ihr von der Handlung vorher geplant?

  2. Selina schreibt:

    Die Wahrheit?

    Ich glaube das Geheimnis liegt darin, dass wir eher NICHT planen und erst dann nachdenken bzw. sofort reagieren, wenn es da ist. Klar muss die Story im groben stehen, aber die Details kommen einfach erst nach und nach zusammen. Eingeplant ist z.B. ein Rudel Wölfe. Und dann schauen wir mal, wie und was so geht. Ich als Mitspieler kenne die Story nicht vorab.

    Aber es wäre im real life nicht anders. “Auf dem Rückweg vom Einkaufen benutzt ihr einen ruhigen Feldweg als Abkürzung. Dort liegt etwas versteckt im hohen Gras ein verletztes Kaninchen. Dein Kind findet es. Was tust du?”

    Wenn mein Kind dabei ist würde ich nie sagen “Ignorieren, weitergehen”. Das würde ich aber auch so nicht. Die für meine Erziehung gewählte Moral übertrage ich einfach auf das Spiel (sofern möglich). Nur, dass mein Kind im Spiel mehr Freiheiten hat.

    Unser SL denkt zwar schon drüber nach was er einsetzt, aber abgesprochen haben wir uns bisher nicht. Nach dem letzten Abenteuer gab es deshalb tatsächlich mal Diskussionen. Da war ich als Mama von dem gewählten Monster nämlich gar nicht begeistert. Darüber – und was ich befürchte – haben wir dann alle drei offen gesprochen. Mein Sohn meinte hinterher, ich solle mich nicht so anstellen…

  3. TheClone schreibt:

    Hm, interessante Geschichte. Hat Euer Sohn auch shcon mit einer Gruppe nur aus Kindern gespielt? Ich würde mich, glaube ich schwer tun da als Mitspieler dabei zu sein.

  4. Selina schreibt:

    Ich habe es bisher mit maximal zwei Kindern zum gleichen Zeitpunkt ausprobiert und muss sagen, dass sie ohne einen Erwachsenen Mitspieler deutlich schwerer auftauen. Für Kids scheint es sehr wichtig zu sein, eine vetraute Person zur Seite zu haben, wenn sie sich auf ihnen unbekanntes Gelände begeben.

    Inzwischen überlege ich schon, ob man nicht wirklich mal eine Kindergruppe zusammenstellen könnte. Allerdings fehlt mir dazu momentan die Zeit. Hier wären erst mal die Eltern zu beraten, dann Charaktere mit den Kindern zu machen, eine Story zu erschaffen …. und vor allem: Bekomme mal 4-5 Kinder zwischen 6-8 RUHIG an einen Tisch. Und wenn es nur für anderthalb Stunden ist.
    Da sollte der SL sich vorher Baldrian einwerfen ;-)

  5. TheClone schreibt:

    Ach, das ist mit Erwachsenen oft auch nicht so einfach ;) Man wird von der Komplexität für eine Kindergruppe sicher ganz ganz einfach anfangen müssen, aber ich kann mir vorstellen, dass das geht. Aber einfach ist es sicher nicht. Welches System spielt Ihr eigentlich? Hast Du das schonmal wo erwähnt und ich habe das verpasst?

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