Fiktive Gewalt im Rollenspiel für Kinder (1)

Anlass für dieses Thema ist ein Blogbeitrag von Cyric (Kinder und Fantasy Rollenspiele), in welchem er Überlegungen äußert, die wohl allen RPG Eltern durch den Kopf gehen. Möchten wir unseren Kindern wirklich Pen&Paper näher bringen (ja! :-D), in dem auch fiktive Gewalt in der Form von Kämpfen und Abenteuern eine Rolle spielt (oweiha :-()? Und vor allem: Wie kann man dieses Thema kindgerecht angehen, ohne es unspannend für den Nachwuchs zu gestalten?

Da meine Antwort für einen Kommentar zu lang ist, nutze ich meinen eigenen Schreibraum ;-)

Als mein Sohn die ersten Gehversuche im Fantasy RPG machte, war das auch ein Thema, das mich beschäftigte. Inzwischen bin ich auf dem Gebiet allerdings fast sorgenfrei.

Bevor es zu Missverständnissen kommt, möchte ich eine Sache gleich zu Beginn klären.

Definition von fiktiver Gewalt

Im Erwachsenen RPG gehört ein gewisser Grad an fiktiver Gewalt einfach mit in das Spiel. Nicht, weil wir Gewalt an sich mögen – sondern weil es in einer Welt, in der Unrecht geschieht , dazu gehört.
Hin und wieder ist es als Abenteurer notwendig, seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, wenn die beteiligten Personen (meist Bösewichte) nicht freiwillig mitmachen.

Laut Wikipedia ist die Definition von Gewalt einfach ein Durchsetzen bestimmter Dinge unter Zwang (also mit Nachdruck). Dazu gehört die Entführung einer Prinzessin und der Raub von Gegenständen. Unsere Helden ziehen in der Regel los, um das angerichtete Unrecht wieder zu berichtigen. Selber wenden wir eigentlich weniger Gewalt an – und wenn, dann in mindestens achtzig Prozent der Fälle zur Verteidigung. Das gleiche gilt übrigens auch schon für Kinder und Teenager (Studie: Wie Kinder Gewalt erleben und anwenden)

Für ein Kinder RPG möchte ich persönlich einen sehr niedrigen Grad an gewalttätigen Aktionen haben. Aber mal ganz ehrlich…

Macht abenteuern Spaß, wenn es keine Abenteuer gibt?

Auch unsere Kleinsten wollen schon Helden sein. In unserer realen Welt ist es schwer zu bestehen, sich zu verteidigen und sich durchzusetzen. Daher finde ich es als Mutter sehr wichtig, dass Kinder durch (freies) Rollenspiel mehr Selbstbewusstsein erhalten. In Geschichten dürfen sie groß sein. Stark sein. Helden sein. Und ganz wichtig: Sie lernen, wie man das Gute verteidigt. Sie lernen Zivilcourage.

Kinder machen so oder so Ihre Rollenspiele

Hier im Blog beziehe ich mich eher auf Pen&Paper Rollenspiele. Für Kinder ist das freie Rollenspiel in der Gruppe jedoch ebenfalls sehr wichtig. Ohne freies Rollenspiel kann es keine vernünftige Entwicklung im sozialen Sinne geben. Bevor ich deshalb auf irgendwelche Kampagnenregeln eingehe, würde ich dazu gerne etwas sagen.

Wie teilt sich freies Rollenspiel auf?

Unsere Kleinen spielen schon vor dem Kindergarten Rollenspiele. Mit steigendem Alter verlagern sie sich vom Thema her ein wenig. Fast immer sind mehrere Kinder am Spiel beteiligt. Und nicht selten müssen mindestens ein oder zwei Kids herhalten und die Rolle der Schurken übernehmen. Sie haben dabei weder vor den guten, noch vor den bösen Rollen scheu.

Der Gewaltgrad kann in diesen Spielen sehr hoch sein. Trotzdem tut sich niemand (absichtlich) weh.
Mein Sohn spielt gerne PowerRanger, Pokemon, Alien jagen und ähnliches. Als Mutter denke ich mir manchmal “Kann es nicht mal was vernünftiges sein?“. Aber letztlich ändert sich die Grundstruktur bei Räuber und Gendarm oder Piratenspielen nicht wirklich, also soll es mir egal sein.

Der fiktive Grad an Gewalt wird im freien Rollenspiel meist durch verbale Ausdrücke umgesetzt. Die Kinder geben manchmal Sätze von sich, dass Erwachsene mit den Ohren schlackern. Dabei wissen sie manchmal nicht wirklich, was sie inhaltlich von sich geben. Alles, was sie aufgeschnappt haben und (ohne den Sinn dahinter zu kennen) cool klingt, wird verwendet.

Um Freunde zu befreien werden Bomben geworfen, Feuerattacken gestartet, Leute mit dem Finger erschossen. Das Reinreden in diese Spielsituationen habe ich aufgegeben. (Naja, ehrlich gesagt habe ich das noch nie getan – ich hätte solche Erwachsene als Kind nicht ausstehen können.)
Ich greife nur dann ein, wenn fiktive Gewalt in körperliche umschlägt. Eine moralische Zurechtweisung für das Gesagte möchten Kinder nicht. Nach dem Spiel werden Fragen wie “Würdest du das von vorhin auch in echt machen?” mit einem verwirrten Kinderblick und “Wie kommst du da drauf? Natürlich nicht!!!” beantwortet.

Fazit: Kinderschematas nach Pen und Paper übernehmen

Kinder haben demnach schon fiktive Gewalt in ihren Spielen. Und diese Spielsituationen lassen sich auch gut auf Pen und Paper übertragen. Wir Erwachsenen sind gereift und sehen einige Dinge, die für Kinder scheinbar harmlos sind, vielleicht anders. Trotzdem lassen sich beide Ansichten meiner Meinung nach gut kombinieren. Weil es ziemlich viel wird, werde ich den Bericht an dieser Stelle teilen.

Eins soll aus diesem Beitrag aber schon deutlich werden:
Das Thema „Fiktive Gewalt im Rollenspiel“ gewinnt erst dann an Substanz, wenn es um das Ausspielen einer Situation geht.

Dazu werde ich in den nächsten Tagen einmal das Erwachsene RPG aufs Korn nehmen und einmal die Kinderseite.

Einfach demnächst wieder reinsehen ;-)

10 Kommentare zu “Fiktive Gewalt im Rollenspiel für Kinder (1)”

  1. Taysal schreibt:

    Niemand kann Kinder von Gewalt fernhalten, denn Gewalt umgibt uns. Wir lehren den Kindern keine Gewalt, sondern den Umgang mit ihr. Dementsprechend ist Gewalt im Rollenspiel mit Kindern normal, da sie unvermeidlich ist. Nur Gewalt, in was für einer Form auch immer, trägt zu Konflikten bei.

  2. Cyric schreibt:

    Klar ist Gewalt “normal”, das heißt aber nicht, das man Kinder auf unnötige Art damit konfrontieren muss. Wenn ich bedenke, was meinem Kleinen im Kindergarten zu Globalisierung und angeblicher Klimakatastrophe erzählt wurde… das steckt mehr Gewalt gegenüber Kindern drin, als in einer üblichen Tagesschau Sendung.. :/

    Üblicherweise versucht man als Eltern, Kindern Konfliktbewältigung jenseits von Gewalt beizubringen… DAS ist für mich der entscheidene Punkt. Im Rollenspiel ist Gewahlt halt ein zentrales Thema – nicht umsonst gibts hierfür üblicherweise den größten Regelteil.

    Ich freue mich also auf den nächsten Eintrag von dir! :)

  3. TheClone schreibt:

    Das ist eigentlich ein Dilemma, vor dem man als erwachsener PC-Gamer auch steht. “Du spielst counterstrike, also würdest Du auch Menschen töten.”

    Ich finde es schön, dass mal jemand darüber aus eigener Erfahrung detailliert berichtet. Das Thema wurde schon öfter unter deutschen RSP-Bloggern aufgegriffen, blieb aber oft recht grob umrissen. Von daher hoffe ich, dass Du in den nächsten Artikeln noch etwas konkreter wirst. Vielleicht macht das mehr Rollenspielern Mut ihre Kinder zum Rollenspiel zu bringen. Ich kann mir auch schwer vorstellen, dass etwas das Erwachsenen soviel Spaß macht und nicht zu einer Steigerung von Gewalt führt bei Kindern wirklich fehl am Platz ist. Man sollte sicher aber sicher Gedanken machen, worauf man zu achten hat. WotC scheint ja mit Monsterslayers zu versuchen den Gegner auf ein Monster zu reduzieren um dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung vorzubeugen.

  4. Selina schreibt:

    Monsterslayers haben wir inzwischen ausprobiert, aber dazu ein andermal mehr ;-)

    Ehrlich gesagt habe ich auch schon überlegt, in wie weit man das Thema ehrlich und offen angehen kann. Von daher kann ich die Zurückhaltung in anderen Blogs nachvollziehen. Gerade wenn man auf solche Vorurteile wie die FSK18 Konsolen/Computerspiele schielt sieht man, dass die gegnerischen Lager schnell mit Kritik dabei sind und die “Normalos” eher weniger dazu laut aussprechen. Aber ich habe vor, mich da mit zusammengekniffenen Augen durchzuschiffen und notfalls auch Kritik einzustecken. Irgendwer muss ja mal den Anfang machen ;-)

  5. Selina schreibt:

    Wir lehren den Kindern keine Gewalt, sondern den Umgang mit ihr.

    Sehr schön gesagt. Genauso sehe ich es ebenfalls.

    Konflikte entstehen dadurch natürlich wirklich. Aber auch Konflikttraining (vom Bewerbungstraining bis zum Selbstverteidigungskurs) kann sinnvoll sein. Beschützen können wir unsere Kids nicht ewig. Dann lieber bei Mama und Papa in die Lehre, als erst in der Jugendgang ;-)

    edit: Ich sollte mal nachsehen, wie WP Kmmentare vernünftig in der Abfolge verschachteln kann *grummel*

  6. TheClone schreibt:

    Ich mag verschachtelte Kommentare ja gar nicht ,aber dafür gibt es sicher ein Plugin.

    Finde ich gut, dass Du das durchziehst, ich drücke die Daumen. Ich denke auch nicht, dass es da in der doch recht kleinen deutschen RPG-Blogsphäre wirklich Ärger geben kann. Vielleicht ein paar Kommentatoren, die die Grenzen der Höflichkeit außer Acht lassen, aber bestimmt keinen “organisierten Widerstand”.

  7. Paradroid schreibt:

    Ich unterstreiche das zu hundert Prozent. Gerade für Buben ist die Auseinandersetzung mit Konflikt, Kampf und Gewalt wichtig und gut, solange sie spielerisch stattfindet. Sie braucht Raum zur Entfaltung, manchmal auch Grenzen und Widerspruch. Leider tendiert die gesamte pädagogische Umwelt oft dazu, solche “Kampfspiele” im Keim zu ersticken. Die Folge davon ist, dass vorhandene Aggressionen nur aufgestaut werden und ein kreativer Umgang mit ihnen nie erlernt wird. Daher glaube ich, dass der Kampf im Rollenspiel DIE große Attraktion für die Kinder sein wird. Und dass das auch so in Ordnung ist.

  8. Niceyard schreibt:

    Mein Sohn ist 8 Jahre alt und seit 4 Jahren Kickboxer.
    Beim Kickboxen wird, abgesehen vom Training, sehr oft darüber gesprochen, wie man Konflikte löst und wie man in bestimmten Situationen reagiert in denen Erwachsene oder andere Gleichaltrige Gewalt anwenden.
    Das ist ein wertvolles Training, weil mein Sohn lernt Gewalt abzuwenden, bzw. anzuwenden und damit umzugehen.
    Zusammenfassend kann man dazu sagen, dass die Schlussfolgerung aus diesen Szenarien immer eine konsequente Deeskalation der Situation sein muss.

    Das Rollenspiel, so sehr ich Fan davon bin, halte ich für kein gutes Medium, um den Umgang mit Gewalt zu lernen, und zwar aus zwei Gründen:

    1. Im Rollenspiel wird niemals tatsächliche Gewalt ausgeübt. D.h. die tatsächliche Erfahrung mit Gewalt bleibt vollkommen aus und kann gar nicht eingeschätzt werden. Vor allem das richtige Maß der Gewalt, das bei ihrer Ausübung immer ein Schlüsselpunkt ist, bleibt völlig abstrakt und wird durch Medienkonsum wie RPG nicht erfahren.

    2. Gewalt taucht im Rollenspiel in einem so hohen Maße als probater Problemlöser auf (siehe z.B. das angebliche Kinderrollenspiel von WotC, das einfach nur ein Hack&Slay-System dämlichster Sorte ist), dass ich absolut nicht der Meinung bin, dass hier viel Wertvolles im Umgang mit Gewalt erlernt wird.
    Die Abenteuerplots bestehen nicht aus einer Deeskalation von Gewalt sondern aus einer um der Spannung Willen provozierten Eskalation. Damit werden Handlungsschemata erlernt, die nicht geeignet sind, um zu einem unserer Gesellschaft angepassten Umgang mit Gewalt zu kommen.

    Aus diesen beiden Gründen bin ich de Meinung, dass RPG eher etwas für Leute ist, die eine Anwendung von Gewalt bereits gelernt haben.
    Es gibt ja inzwischen ausreichend Studien, die belegen, dass Jungs mit einem Fernseher im Kinderzimmer gewaltbereiter sind als ihre Kammeraden ohne eigenen Fernseher. Der Grund dafür ist der höhere Konsum gewalttätiger Medien.

    Meine Strategie, meinen Sohn ans Rollenspiel heranzuführen, wird sich jedenfalls sicher nicht daran orientieren, ihn an eine völlig irreale Anwedung von Gewalt in Form von Monsterabschlachten heranzuführen, sondern eher andere Themen:
    Phantastische Landschaften (Reisen und Entdecken), Begegnung mit anderen Personen (Diskussion, logische Argumentation und Rhetorik) und natürlich jede andere Art von nichtgewalttätigen Problemen, z.B. Organisation von Hilfe, Umgang mit Extremsituationen wie z.B. einem Verkehrsunfall, Lösen einer Detektivgeschichte im Jugendbandenschema etc.
    Es gibt so viele lehrreiche, kindgerechte und trotzdem coole Rollenspielszenarien, die nichts mit Gewalt zu tun haben. Es muss nicht immer Gewalt sein. Das Medium Rollenspiel ist in meinen Augen eher ungeeignet, um junge Menschen sinnvoll mit dem Thema Gewalt vertraut zu machen.

    Nur meine Meinung.

  9. Selina schreibt:

    Hallo Niceyard,
    ich finde es okay, sehe es aber anders. Meinem Sohn verbiete ich zur Zeit Wing Tsun. Das ist eine Kampfsportart, die ebenfalls auf Verteidigung basiert und je nach Schule auch toll für Kinder rüber gebracht wird. Der Grund dafür: Ein anderes, mir gut bekanntes Kind, sollte Wing Tsun genau aus den Gründen lernen, die du für deinen angibst (Gewalt abzuwenden, bzw. anzuwenden und damit umzugehen). Das Resultat davon war, dass er (2te Klasse) bei einer Grundschulrangelei ein Mädchen so übel getroffen hat (er konnte es nicht einschätzen sagt er), dass es nach einer Woche noch den Rücken blau hatte. Ich kenne dieses Kind gut – und hätte es ihm NIE zugetraut. Das Probelm ist für mich: Wenn sie heran wachsen und die Hormone irgendwann mal überschäumen – dann könenn sie sich im Gegensatz zu anderen Kindern wehren. Oder genau umgekehrt – sie nutzen diese Überlegenheit aus, wenn sie sich in eine negative Richtung entwickeln.

    Wie überall sind es leider zwei Seiten der Medallie :-/

    Ich selber – Gott behüte – bin auch mit Mitte 30 nicht wirklich erfahren mit realer Gewalt und habe mein Verständnis dazu auch eher in der Theorie gelernt, wie es im RPG der Fall ist. Allerdings stimme ich dir vollkommen zu, dass ich meinen Sohn ebenfalls nicht Hack&Slay spielen lassen möchte. Solange ich da noch einen elterlichen Riegel vorschieben kann, werde ich es tun. Und bis er selber so weit ist wird er durch das Ausspielen von RPG Situationen wahrscheinlich keinen Spaß mehr am puren Draufhauen haben *hoff*

  10. Arabascan schreibt:

    Moin! Ich hätte da zwei Fragen:
    1.: Willst du ein paar der Abenteuer, die du mit deinem Sohn gespielt hast, auch einmal online stellen? Es gäbe definitiv Interesse.
    2.: Ich will für eine kleine Familienzeitung einen Artikel über Rollenspiel schreiben, speziell kindgerechtes. Ist es OK, wenn ich dort auf deine Seite verweise?
    Mit freundlichen Grüßen
    Arabascan

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