Unser erster Fantasyausflug – von Regelfrei zu leichter Kost

Mal wieder angeknüpft an einen anderen Artikel: Wie regellastig darf ein Kinder RPG sein

Spontanes Geschichtendesign

Im letzten Artikel habe ich schon angedeutet, dass es einen massiven Unterschied zur Regeltoleranz zwischen Erwachsenen RPG und Kinder RPG gibt. Von daher habe ich meinen eigenen Nachwuchs ganz sanft an das Thema heran geführt….

Unsere erste tiefe Berührung hatte überhaupt keine Regeln. Es gab keinen Charakterbogen, es gab keine Regelwerke. Ehrlich gesagt gab es eine Stunde vorher nicht einmal ein roter Faden durch die Geschichte oder die Geschichte an sich.

Wir haben einfach eines Nachmittags angefangen, eine Geschichte zu erfinden. Meinem Sohn war das im ersten Moment befremdlich. Er ist nicht gewöhnt, sich aktiv an Geschichten zu beteiligen und für mich war es das wichtigste, dass er diese Beteiligung erst einmal lernt.

Ich habe die grobe Storyline gelenkt, und immer wieder gefragt, was er tun möchte. In der Geschichte war er erst einmal ein ganz normaler Junge, der durch ein Zauberportal eine
mittelalterliche Fantasywelt betreten hat. Als Grundidee zum Betreten der Welt habe ich dabei an Narnia gedacht. Es musste etwas sein, mit dem er sich anfreunden konnte und das nicht zu unmöglich erscheint.

Aus dem Stegreif habe ich dann Stück für Stück der Geschichte zusammengesetzt. Für das erste Abenteuer habe ich ein fertiges Abenteuer von Paizo (Pathfinder) als Grundidee benutzt und es individuell angepasst. Ich hatte es ein paar Tage zuvor gelesen und die Idee war – bis auf einige wenige Dinge – auch kindertauglich.

Vom freien Spiel zu leichter Regelkost

In späteren Rollenspielen hat mein Freund sich die Geschichten ausgedacht. Er verfügt über deutlich mehr Spielleitererfahrung als ich, und ist zugegeben auch deutlich regelfreudiger und regelkundiger als ich.

Innerhalb von einer halben Stunde schusterte er uns zwei einfache Charakterbögen zusammen. Angelehnt waren diese Charaktere an das D20 System Pathfinder, dessen Regeln durch ihn stark vereinfacht wurden.

Ich werde ihn auf jeden Fall bei Gelegenheit nochmals fragen, wie er die Modifizierungen vorgenommen hat und das ganze hier posten ;-)

Charakterbögen sind cool

Wir spielen in unserer Erwachsenenrunde nur Fantasy. Von daher fiel meinem Sohn* die Identifizierung mit D20 Charakteren – einem menschlichen Kämpfer (für sich) beziehungsweise einem menschlichen Zauberer (Hexenmeisterin für mich) – nicht besonders schwer. Auch die Verbindung zu einem Charakterbogen kannte er von den Erwachsenen. Ich hatte den Eindruck, dass er sich „wie ein großer“ vorkommt.

Selbst wenn er das Rechnen in den Kämpfen nur durch zählen mit den Fingern hin bekam, bemühte er sich, die wenigen vorhandenen Werte von dem Blatt vor ihm abzulesen und nachzurechnen, ob er getroffen hatte. Das hat seinen Charme, denn er ist noch nicht in der Schule. Von daher ist es eine Herausforderung für sich.

  1. Den eigenen Würfel ablesen.
  2. Fragen, welche Rüstungsklasse der Gegner hat.
  3. Und dann – oh Gott – Rechnen ob er drüber oder drunter ist!

Falls ihr euren Kindern mal die Grundrechenarten beibringen wollt, kann ich euch das ganze nur empfehlen ;-)

Er hatte so viel Spaß an dem ganzen, dass wir fast 3 Stunden lang gespielt haben. Als wir Erwachsenen die Geschichte dann unterbrochen haben (Bettzeit) gab es ein riesen Genörgel.

Noch eine Anmerkung auf einen Kommentar aus dem letzten Beitrag: Ich glaube, dass er an den minimalistischen Regeln mit Werten mehr Spaß hatte, als im ganz freien Spiel. Nein, ich glaube nicht nur – es ist definitiv so! und ich finde es schön, diesen Eidruck auch von anderen Eltern bestätigt zu bekommen.

* = (der ja gerne vor dem schlafen gehen nochmals eine halbe Stunde lauscht)

6 Kommentare zu “Unser erster Fantasyausflug – von Regelfrei zu leichter Kost”

  1. Markus schreibt:

    Hallo!
    Fragen von jemanden der keine Kinder hat:

    Wie geht mit Gewalt um ? Werden dem Kind “menschliche” Gegner in den Weg gestellt oder “nur” Tiere oder Untote usw.
    Habt ihr einen Gedanken auf Realitätsverlust verschwendet ? Also dass das Kind dann später im “realen” Leben einen Feuerball oder so werfen will ?

    Sehr unbedarfte Fragen,
    würde mich auf Antworten freuen :)

  2. TheClone schreibt:

    Kinder sind halt doch auch am Wettkampf interessiert O:-)

  3. Selina schreibt:

    Hallo Markus,
    das Thema habe ich eigentlich schon sehr ausführlich in den vier Artikeln zur fiktiven Gewalt ausgearbeitet ;-) Vor allem auch den Aspekt Realtität < -> Fiktion

    Also, Untote haten wir bisher noch nicht und ich glaube, damit warte ich auch lieber noch ein Jahr. Ansonsten befürworte ich menschliche Gegner oder totale Phantasiegestalten. Bei Tieren bin ich ein wenig kritischer, weil real so viele Menschen Probleme mit dem Tierschutz haben und Tiere nicht vernünftig respektieren. Ich schaue, dass ich meinen da (überdurchschnittlich) ordentlich erziehe und ihm Respekt vor der Natur lehre.

    Mit Menschen ist eine Kommunikation möglich um den Gewaltgrad zu schwächen, mit Tieren eher nicht. Und deshalb vermeide ich es noch, bis sich der Gedanke “ist nur Spiel” wirklich verinnerlicht hat. Im Erwachsenen RPG kämpfen wir aber auch seeeehr selten gegen Tiere.

  4. Broeckchen schreibt:

    Ziemlich später Nachtrag, tut mir leid… >.<

    Ich finde vor allem die Modifikationsidee interessant. Hast du dir eigentlich auch schon mal die Systeme von Projekt Kopfkino (einfach mal googlen) angeguckt? Die sind auch alle sehr simpel gestrickt und leicht zu übertragen.

    Oft habe ich das Gefühl, dass jeder, der gern spielt, auch Spielregeln mag. In einer regelfreien Geschichte kann plötzlich alles passieren, es gibt keine Garantie, dass man nicht einfach übertrumpft und übertölpelt wird, weil es eben möglich ist. Regeln schaffen Gerechtigkeit und Gleichheit, geben Sohnemann die gleichen Chancen wie Papa. Vor allem wenn man im realen Leben "unterlegen" ist (Sohnemann ist eben nicht so groß und stark wie Paps) ist es bestimmt toll, plötzlich so auf einer Stufe mit dem Gegenüber zu stehen.

    Außerdem hab ich manchmal den Verdacht, dass beim starken Geschlecht eine allgemeine Vorliebe dafür herrscht… Wenn ich die Mädels unter meinen Mitspielern so betrachte sehe ich die das Buch nach drei Minuten kopfschüttelnd zuschlagen, dass die Jungs eben noch zum Abendbrot verschlungen haben. XD Ist aber nur so ein Verdacht.

  5. Selina schreibt:

    Regeln schaffen Gerechtigkeit und Gleichheit, geben Sohnemann die gleichen Chancen wie Papa. Vor allem wenn man im realen Leben “unterlegen” ist

    Das habe ich noch gar nicht bewusst wahrgenommen. Ein sehr schöner und richtiger Ansatz!

    Und das Mädels mehr “Probleme” mit regelwerken haben beruhigt mich doch gerade ungemein, weil ich dazu gehöre ;-)

  6. Arne Babenhauserheide schreibt:

    OT: Schreibst du noch an Mitmach-Märchen? Ich habe deine Artikel hier sehr gerne gelesen und finde es sehr schade, dass so lange schon nichts mehr kommt?

    Falls du dich entscheiden solltest, nicht weiterzuschreiben, würdest du es erlauben, deine Artikel unter freien Lizenzen zu archivieren, so dass sie weiterleben können? Es wäre sehr schade, deine schönen Texte zu verlieren, falls du die Webseite irgendwann aufgeben solltest. (Beispiel-Lizenz: http://lizenz.1w6.org )

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