Erste Hilfe für neue Spielleiter

Ich habe demnächst mit meiner regulären Fantasy Runde mein Spielleiter Debüt (Pathfinder).
Obwohl ich schon seit Jahren spiele, fehlt mir auf vielen Gebieten jedoch die Erfahrung. Ich hatte in den letzten Jahren lange Spielpausen, habe nur sehr wenige Systeme kennen gelernt und spiele lediglich alle zwei Wochen einmal ein paar Stunden am Abend.
Deshalb kenne ich mich weder mit den Regeln noch mit Storytelling wirklich aus.

Mein freiwilliges Angebot die Runde zu leiten kam aus dem Bauch heraus. Und zu dem damaligen Zeitpunkt fand ich die Idee auch gut. Wenn ich meinem Sohn Geschichten erzähle klappt das einwandfrei. Ab und zu reitet es mich und dann gibt es zum Beispiel eine spontan erfundene Gute-Nacht-Geschichte, die zu irgendeinem Tagesereignis passt und eine Moral verdeutlicht.

Auch das Rollenspiel zwischen Kind und Erwachsenem geht mir mit ihm leicht von der Hand. Teil für Teil fügen sich Geschichten und Handlungen zusammen.

Trotzdem habe ich ein mulmiges Gefühl, wenn ich die Funktion des Spielleiters auf mein Erwachsenenleben übertragen soll. Ich frage mich nur, warum…

Spielleiter ist nicht gleich Spielleiter

Irgendwie ist es ein gewaltiger Unterschied ob ich Kindern etwas erzähle, oder Erwachsenen. Kinder fragen jeden Tag um die Welt zu verstehen. Sie spielen offen und unbefangen ihre Kinder(fantasy)spiele und fragen vorurteilsfrei um Rat.

Alles, was ein Erwachsener sagt, wird erst einmal für bare Münze genommen. Und hat ein Erwachsener mal unrecht, dann hinterfragen sie mit unnachahmlicher Unschuld wie es denn anders wäre.

Der Anspruch von Erwachsenen ist da ganz anders.

Ich soll eine Gruppe leiten, die jeden Film auseinander rupft, wenn es mal eine unlogische Szene gibt. Die Regeldiskussionen am Mittagstisch führt und in den gemeinsamen Urlaub kofferweise Regelwerke mitnimmt. In der wir zwei reguläre Spielleiter haben, die seit zig Jahren ein bis zweimal in der Woche spielen und zudem jahrelange Spielleitererfahrungen haben. Und in der sich eine Mitspielerin befindet, deren Spielleiterdebüt durch diese Gruppe (ausversehen) im spieltechnischen Desaster endete.

Also, wovor habe ich eigentlich Angst?

Wer Freunde hat … ;-)

Ich weiß doch, dass es alles Freunde von mir sind. Freunde, die sich darüber freuen, dass ich mich angeboten habe. Und Freunde, die mit erwartungsvollen (Shrek-Kater) Augen vor mir sitzen werden, um sich bei jedem Patzer meinerseits mit den Krallen in den Tisch zu graben, um es nicht laut aussprechen zu müssen *schmunzel und nicht ganz ernst gemeint*

Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, ich würde mein Debüt in einer mir fremden Gruppe geben, in der ich die Leute nicht so gut einschätzen kann.

Ich bin nervös, obwohl – oder gerade weil -ich weiß, dass ich Rückhalt durch meine Gruppe habe und ihnen zu 100% vertrauen kann. Egal was ich anstellen werde und wie schief es geht – niemand wird mir böse sein. Regeln, die ich übersehe, werden angesprochen und erklärt werden. Und ich werde eine Menge dazu lernen. Eine bessere Gruppenzusammenstellung gibt es nicht.

Trotzdem hat es irgendetwas von einem Prüfungskomitee.

Auch, wenn es jetzt nicht so rüber kommt – ich lache selber über mich und freue mich trotz allem (ein wenig) auf meinen mir noch unbekannten Part.

Fehler machen gehört dazu

Wirklich sorgen macht mir nur das Storytelling. Ausgerechnet das, was ich eigentlich beherrsche. Ich schreibe seit Jahren als freie Autorin für Zeitschriften, viel im Internet, rede im Beruf mit Kunden und erzähle meinem Sohn Geschichten. Freie Reden vor unbekannten Massen halten? Softwarekurse dozieren? Mein Metier!

Ich habe probiert diese Sorge mit meinem Freund zu besprechen. Aber viel außer „ach, das wird schon“ und „weniger ist mehr“ kam nicht dabei raus. Er ist als Spielleiter so in seinem Element, dass er scheinbar nicht mehr nachvollziehen kann, wie schwer Details für andere sein können. Oder auch, weil er mein loses Mundwerk kennt.

Du hast Angst vor Logikfehlern? Mach dir nichts draus, das übersehen die meisten eh.
Du hast dir was ausgedacht, was wegen einer dir unbekannten Regel nicht funktioniert? Macht nichts, kommt vor. Spieler sabotieren nie absichtlich (in dieser Gruppe)….
Emotionen rüber bringen? Mein Gott, geh aus dir raus!

Gut, ich bin in dem Bereich auch ein (blöder) Perfektionist und habe viel zu hohe Ansprüche an mich.

Die Hauptangst habe ich mir dennoch nehmen lassen. Durch meinen Sohn.

Seinen Ängsten begegnen…

Gestern habe ich ihn mir geschnappt, ihn auf meinen Schoß gesetzt und ihm einfach das Intro für meinen Spielleiterstart erzählt. Er hat zugehört, wollte sich aber nicht aktiv mit Handlungen oder Ideen einbringen. Es ist nicht SEIN Rollenspiel, sondern das der Erwachsenen.

Also habe ich ihm die Räumlichkeiten beschrieben, die Charaktere und die von mir gedachten Aktionen. Und siehe da – die Fassade des Wirtshaus ist plötzlich vor meinen Augen. Die Straßengestaltung, das Schild, die Umrahmung der Tür… ein Bild, dass zum Eintreten einläd.

Nichts desto trotz sind mir beim Erzählen einige Punkte aufgefallen, in denen ich geplanter denken muss. Situationen in denen ich mir dachte: Ne, das geht nach der Beschreibung nicht, die du gerade geliefert hast. Und auch diese „Selbstgespräche“ von mir hat mein Sohnemann mit Gelassenheit und kindlicher Unschuld hingenommen. Es gab keine Kritik – aber auch kein „cool“. Er war vollkommen neutral und hat dennoch mit echtem Interesse zugehört. Und das hat mir unheimlich gut getan.

Tja, manchmal können Kinder auch Erwachsenen die Ängste nehmen. Es ist doch irgendwie beeindruckend :-)

Nachwort

PS: Ich weiß, dass der ein oder andere aus der Gruppe mitliest. Und bevor ich mir nachher Schelte einfange:
a) Mein Schatz hat mir ganz viel geholfen und erklärt mir geduldig jede Regel (auch zum 20ten Mal).
b) Ich bin froh euch als Gruppe zu haben, sonst würde ich niemals freiwillig die Leitung übernehmen. Leider sind die durch unsere zweieinhalb SLs gesetzten Messlatten sehr hoch und ja – ich weiß, ich brauche die nicht zu halten ;-) Aber das mit dem “müssen” ist so ne psychologische Sache…

3 Kommentare zu “Erste Hilfe für neue Spielleiter”

  1. TheClone schreibt:

    *unterschreib* Aber jeder SL wird seine ganz eigenen Messlatte setzen und (mindestens) eine davon ist im Regelfall ziemlich hoch. Vielleicht wirst Du die anderen SLs dann auch “unter Druck setzen”.

    Meiner Erfahrung nach tendiert man als unerfahrener SL auch dazu so oft Dinge voraus zu setzen und zu eng zu planen. Eine lose Aneinanderreihung von Orten an denen es Informationen und Kämpfe gibt, die die Spieler von sich aus aufsuchen können haben da bei mir bislang am besten funktioniert.

  2. Arne Babenhauserheide schreibt:

    Das wird schon. Spielleiten ist wie vieles andere auch Erfahrungssache, und deine Spieler werden dir vermutlich die Freiheiten geben, die du brauchst. Im Zweifelsfall halt wie bei dem kleinen einfach Fragen, ob ihr bei einem schlimmeren Patzer die Zeit zurückdrehen könnt – oder halt mit dem Patzer weiterspielen.

    Beispiel: Dann ist eine NSC halt nicht da gewesen – du wirst neue Situationen finden, in denen sie auftauchen kann ;)

    Und im Zweifelsfall: Wenn ihr Spaß habt, machst du es richtig!
    (OK, das ist aus Robins Laws ;) )

  3. Niceyard schreibt:

    Und wie lief es?

Schreiben Sie eine Antwort